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Buchtipp: Bis auf den Grund des Ozeans

Bis auf den Grund des Ozeansvon Julia Tavalaro und Richard Tayson

"Mein Vater steht mit tränenüberströmtem Gesicht am Fußende meines Bettes. Ich habe ihn nie zuvor weinen sehen, denke ich.
Er und meine Mutter glauben offensichtlich, daß es keine Hoffnung gibt. Ihr Kummer ist schwerer zu ertragen als der Schmerz in meinen Armen und Beinen, als meine Unfähigkeit, ihnen zu sagen, daß ich noch lebe."

Die Amerikanerin Julia Tavalaro war 31, als sie nach einem Schlaganfall ins Koma fiel. Nach acht Monaten erwachte sie - aber weder Ärzte noch Verwandte bemerkten es.
Alle hielten sie für hirntot - aber sie war bei vollem Bewußtsein.

Julia Tavalaro war gelähmt, konnte nicht einmal die Arme heben oder den Kopf schütteln. Sie konnte auch nicht sprechen.

Ihr Geist war gefangen in dem starren Körper

Sie bekam alles mit: Wie Krankenschwestern und Ärzte sie erniedrigten. Wie ihr Ehemann sie sang- und klanglos verließ. Wie ihre kleine Tochter sich vor der Kranken ekelte.
Erst nach sechs Jahren entdeckte eine Therapeutin, daß Julia Tavalaro mit Augenbewegungen Zeichen geben konnte. Daß sie alles verstand, was um sie herum vorging. Sie lernte mühsam, den Kopf zu bewegen, so den Laserstrahl auf Buchstaben zu richten. So konnte sie "schreiben" - an einem für sie entwickelten Spezialcomputer.

Jetzt schrieb Julia Tavalaro (heute 63) die Geschichte ihres Lebens auf.

"Bis auf den Grund des Ozeans."

Ein erschütterndes Dokument aus der Welt zwischen Leben und Tod.

"Langsam wird die Luft heller. Alles um mich herum ist in blaugrauem Nebel verschwommen. Ich bin wach und doch nicht wach."
Langsam gleitet Julia aus dem Koma zurück ins Bewußtsein. Sie beschreibt die Bilder, die in ihr auftauchen.
"Alles ist still. Dann erheben sich ringsum Stimmen, eine schriller als die übrigen. Eine Frauenstimme. Laut. Dicht bei mir. Beinahe dort, wo ich früher den Kopf hatte.
Der Nebel verfliegt. Ich nehme nur ein Gefühl der Enge in meinem Körper wahr, eine Beklemmung. Etwas ist da ganz und gar nicht in Ordnung.
Mein Verstand treibt an die Oberfläche, ganz langsam. Eine tiefe Furcht ergreift mich. Ich fange an zu weinen, aber es kommt kein Laut, keine Tränen fließen. Mein Verstand versucht, die Dinge zusammenzufügen, aber es scheinen die Bindeglieder zu fehlen."
Keiner hört ihre Schreie. Keiner sieht ihre Tränen.
"Ich gerate in Panik. Verzweifelt müht sich mein Verstand, schneller zu arbeiten. Ich versuche zu schreien. Wieder kann ich keinen Laut hervorbringen. Wo sind meine Schreie?
Ich versuche, die rechte Hand zu heben, aber sie ist steif, unbeweglich. Ich will meine linke Faust öffnen, aber sie ist hart und unnachgiebig wie Stein. Ich strenge mich an, die Füße zu bewegen - und kann es nicht. Einmal mehr versuche ich zu schreien, um mich davon zu überzeugen, daß ich noch lebe. Ich höre nur das Zähneknirschen in meinem Kopf.
Plötzlich erinnere ich mich an Judy, meine hübsche, 14 Monate alte Tochter. Wo ist sie? Ich denke zurück, füge die Erinnerungen zusammen."
Julia Tavalaro beginnt, sich an die letzten Stunden vor dem Koma zu erinnern: Wie sie ihre kleine Tochter zu Bett brachte, während ihr Mann im Wohnzimmer fernsah. Wie ihre Kopfschmerzen immer schlimmer wurden: "Es war ein Gefühl, als schabe mir jemand mit einer Glasscherbe meine Schädeldecke ab. Mein Kopf fühlte sich an, als wolle er explodieren."
Sie will sich eine Aspirin holen. Auf der Treppe bricht sie zusammen.

"Ich spürte ein starkes Hämmem in der Brust und dachte, ich hätte einen Herzanfall. Mein Körper fühlte sich leicht an, als würde ich zur Decke hinaufschweben und dann weiter in den dunkler werdenden Himmel hinein. Alles begann sich zu drehen. Ich sah Gold um mich herum glitzern und spürte, wie ein dorniger Sonnenball in mein Gehirn eintrat. Dann fühlte ich den Teppich auf meinem Gesicht. Ich hörte Judy weinen und sah ein Tuch aus grauem Licht, das die goldene Luft filterte. Kurz bevor alles dunkel wurde, dachte ich, Kind, hör doch auf zu weinen."
Es kostet sie Überwindung, zum erstenmal die Augen zu öffnen. "Als erstes sehe ich eine Frau in einer weißen Uniform und einer weißen Haube. Mir wird klar, daß es eine Krankenschwester ist. Ich weiß, daß ich nicht tot bin."
Die Schwestern und Ärzte sehen, daß Julia die Augen geöffnet hat - aber keiner erkennt, daß sie bei Bewußtsein ist. Eine Krankenschwester wischt einen Tropfen von Julias Kinn: "Sie drückt sehr fest, so wie ein Dienstmädchen einen Flecken aus einem Teppich schrubbt. Als Antwort auf ihre grobe Berührung gebe ich einen tiefen, wimmernden Laut von mir. Die Krankenschwester sieht mich an, auf ihrem Gesicht zeichnet sich Überraschung ab. Dann blafft sie mich an: "Halt den Mund, du Heulsuse!"
"Es ist der dritte Tag, nachdem ich aus dem Koma erwacht bin. Als sie meine Windeln wechseln und mich anziehen, höre ich eine der Schwestern sagen: "Die da kriegt heute Besuch. Eltern, glaube ich."
Die andere sagt: "So eine Scheiße. Dann müssen wir sie saubermachen."
Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich stelle mir vor, wie Mutter mit Rosen hereinkommt, wie Vater mich auf die Wange küßt und mir sagt, daß alles wieder gut wird. Wie soll ich ihnen sagen, daß ich wach bin?"
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