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Buchtipp: Im Lande Gänseklein

Im Lande GänsekleinErika Pullwitt beschreibt in ihrem Roman die Lebenssituation eines Ehepaares, die seit zwanzig Jahren von der durch einen Schlaganfall verursachten Sprachstörung des Ehemannes bestimmt wird. Der Alltag gestaltet sich kompliziert und ist vor allem für die Ehefrau zeit- und kraftraubend. Ihren Beruf als Lehrerin hat Karin längst aufgegeben, ein Großteil der Freunde ist verunsichert auf Distanz gegangen. Die soziale Einsamkeit macht beiden Ehepartnern zu schaffen.
Karin entschließt sich zu einer Auszeit. Trotz aller Schuldgefühle fährt sie ans Meer, um zu lesen, zu fotografieren und vor allem, um endlich einmal allein zu sein. In einem Hotel an der Nordsee trifft sie auf den gleichaltrigen Georg. Die Begegnung mit einem anderen Mann weckt verschüttete Wünsche und Bedürfnisse, die Sehnsucht nach Gesprächen und Austausch, Restaurant- und Theaterbesuchen, Zärtlichkeiten, Sex.
Karin blickt zurück. Die Erinnerungen an die Zeit vor der Krankheit, an das „andere Leben“ mit dem gesunden Steffen, einem eloquenten, sportlich-attraktiven Partner, sind verblasst. Es ist das reduzierte Leben mit dem behinderten Mann, das ihr Denken bestimmt. Sie erinnert sich an die vielen Momente verzweifelten Bemühens um gegenseitiges Verstehen, an das ständige Wechselspiel aus Sorge und Erleichterung, aber auch an gemeinsames Lachen, an die unfreiwillige Komik vieler Alltagssituationen, etwa wenn Steffen im Restaurant Fresskerle bestellt und Flusskrebse meint. Als der Urlaub zu Ende geht, stellt Karin sich die Frage: Was kommt nach der Auszeit? Wird sie in ihr altes Leben zurückfinden?
Trotz der Schwere des Themas gelingt der Autorin die Gratwanderung zwischen zarter Liebesgeschichte einerseits und der Beschreibung eines mühevollen Alltags, in dem Verstehen ohne Worte stattfinden muss, andererseits. Ohne Pathos und Larmoyanz, dafür mit erfrischender Leichtigkeit verarbeitet Erika Pullwitt in ihrem Roman ihre eigenen Erfahrungen als betroffene Angehörige.
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